"In Strinz-Margarethä gab es früher viele Bräuche von denen die meisten leider in Vergessenheit geraten sind. Damit sie aber nicht ganz vergessen werden, habe ich sie für Euch hier auf- geschrieben. Und zwar alles
- zum Lebensablauf
- zum Jahresablauf und
- andere Bräuche.
Wie gefällt Euch mein Hochzeitskleid?"
1. Lebensablauf
Wenn sich die Kinder früher nach ihrer Herkunft erkundigten, so erzählte man ihnen, dass sie aus dem Brunnenhäuschen kämen, und der Klapperstorch, der Glücksbringer, hätte sie nach Hause gebracht. Deshalb legten die kleinen Kinder, die sich einen Bruder oder Schwester wünschten, abends ein Stück Zucker auf die Fensterbank, um den Storch anzulocken.
Die Taufe der Kleinen fand in der Kirche statt. Die "Pettern und Gothen", wie man hier die Taufpaten nennt, spielten bei den Kindern eine große Rolle. Bei ihnen konnte sich das Kind zu den Festen ein Geschenk abholen. Man besuchte sich gegenseitig und fragte den Paten gern um Rat, besonders bei der Schulentlassung.
Die Schulentlassung und die Konfirmation trafen früher zusammen. Deshalb wurde dieser Lebensabschnitt mit vielen Gästen besonders ausgiebig gefeiert. Am Nachmittag trafen sich alle Konfirmanden und besuchten sich reihum; diese Sitte zeigte die Verbundenheit der Leute im Dorf.
 Konfirmation 1951
Bei der Hochzeit wurde am Polterabend Glas und Porzellan vor die Tür geworfen. Scherben bringen Glück. Kam das Paar am Hochzeitstag aus dem Haus und wollte zur Kirche gehen, so sah es den Weg durch Seile versperrt. Wenn dann die Hochzeitsgesellschaft Bonbons und Geldstücke auswarf, gaben die Kinder den Weg frei; das wiederholte sich mehrmals. Die Hochzeitsfeier spielte sich im Haus der Braut ab oder im Dorfgemeinschaftshaus. Am Hochzeitsabend kamen die Burschen und Mädchen aus dem Dorf vor das Haus, sangen Lieder und gratulierten. Neben Volksliedern hörte man Ehestandslieder. Die jugendlichen Sänger bekamen für ihr Ständchen Kuchen, Wein und oft ein Fäßchen Bier gespendet.
Wenn sich der Lebenskreis durch Tod für einen Dorfbewohner schloss, nahmen alle Anwohner Anteil, mindestens einer aus jedem Hause folgte dem Sarg. Die Beerdigungsteilnehmer aus den Nachbardörfchen wurden mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Nach der Kaffeetafel verteilte man die übrig gebliebenen Reihweck an die befreundeten Familien im Ort.
Jahresablauf
Einige Tage vor Aschermittwoch suchten die Mütter Kleidungsstücke zusammen, um ihre Kinder zur Fastnacht originell zu kostümieren. Am Nachmittag herrschte im Dorf reges Leben. Die Kinder zogen zu dritt oder viert von Haus zu Haus und sangen das Fastnachtslied: "Hohoho, die Fassenacht ist do". Dafür erhielt sie meistens kleine Geldstücke oder Süßigkeiten.
 Fastnacht 1950
Das erste kirchliche Fest im Kalenderjahr ist Ostern. Bevor die Kinder zum Gottesdienst gingen, sah man sie mit Körben von Haus zu Haus eilen. Bei ihren Paten und Verwandten suchten sie die buntgefärbten Eier, die in Haus, Scheune oder Garten versteckt waren. Mit ihren gefüllten Körbchen liefen sie strahlend nach Hause. Am Nachmittag trafen sich mehrere Kinder an einem Wiesenhang, wo das "Eierschibbeln" (Eierrollen) begann. Derjenige, dessen Ei am weitesten rollte wurde Sieger und erhielt das gewonnene Ei. Um die Osterzeit bekam auch der Schornsteinfeger von jeder Familie frische Eier.
Am 1. Mai zog die Schuljugend mit einem Handwagen von Haus zu Haus. Auf diesem stand das Maimännchen; es war früher ein von Laub vollkommen umhüllter Junge. Später wurde nur noch eine aus Buchenlaub bestehende Garbe dazu benutzt. Die Kinder sangen vor jedem Haus "Der Mai ist gekommen" und sammelten Geld.

Zu Pfingsten traf sich die Dorfjugend und zog singend durch die Straßen, um in einen Nachbarort zu wandern. Bei der Rückkehr wurde am Dorfeingang das Lied "Strinzmargarethä" angestimmt, das der frühere Lehrer Richard Weisser gedichtet hatte. Mit schlichten Worten wird in diesem Lied das Taunusdorf besungen.
Ende Oktober anfang November feiert unser Dorf die Kerb. Manche Bewohner denken heute nicht mehr an den Ursprung dieses Festes. Am 2 November 1834 wurde unsere heutige Kirche vom Pfarrer Schmidtborn eingeweiht, der hier von 1815 bis 1870 als Seelsorger wirkte. Dieses Kichweihfest wird durch einen Umzug eingeleitet. Dieser Umzug wurde fortan jedes Jahr zur Kerb wiederholt. Wenn der Umzug hält, liest der Kerbevater den Kerbespruch vor, der lustige und originelle Vorkommnisse des letzten Jahres preisgibt. An der Ecke Pfalzstraße/Schulstraße löst sich dann der Zug auf; jetzt beginnt für jung und alt die Feier mit Musik und Tanz. Früher, wenn Kerb war, gingen die Musikanten des Dorfes vor das Haus des Bürgermeisters, um ihm ein Ständchen zu bringen. Natürlich begleitete die Jugend die Musikanten. Nach dem Ständchen erholten sich die Musikanten beim Freibier von den Anstrengungen.
Kerb 1948
3. Weitere Bräuche
Bürgermeisterehrung in alter Zeit
Von jeher galt es als besondere Ehre und Auszeichnung, zum Bürgermeister (früher Schultheiß oder Scholles genannt) gewählt zu werden. Bis zu Eingemeindung 1972 war es in unserem Dörfchen ein Ehrenamt. Es brachte dem Bürgermeister zwar viel Arbeit ein; dagegen keinen materiellen Vorteil für seine verantwortungsvolle Tätigkeit. Wenn früher ein neuer Bürgermeister gewählt worden war, wurde ihm ein mit Kranz und Bändern geschmückter Tannenbaum vor das Haus gestellt. Der Gesangsverein brachte ihm ein Ständchen und der Bürgermeister hielt eine Ansprache an die Dorfbevölkerung. Dann ging es in die Wirtschaft und man trank Freibier auf Kosten des Bürgermeisters. Das letzte Mal ist dieser Brauch bei der Wahl des Bürgermeisters Kadesch im Jahr 1919 ausgeübt worden.
Der letzte Strinzer Bürgermeister Wilhelm Guckes
Der Wandertag
Jede Familie hatte früher eine zahlreiche Kinderzahl. Es gab Familien, bei denen am Mittagstisch 10 bis 12 Personen saßen. Wenn die Buben und Mädchen die Schulpflicht hinter sich hatten, konnten nicht alle auf dem elterlichen Hof bleiben. Die Buben suchten sich eine Lehrstelle oder Arbeitsstelle bei den Bauern. Die Mädchen verdingten sich meistens in einem landwirtschaftlichen Betrieb oder nahmen eine Stellung in einem städtischen Haushalt an. Damals gab es kaum Lehrstellen für junge Mädchen. Wenn diese Jungen und Mädchen ihre Arbeitsplätze wechselten und sich als Dienstboten bei einer neuen Herrschaft - wie man früher zu sagen pflegte - verdingten, begleitete die Jugend des Dorfes die Dienstboten. Mit einem Pferdefuhrwerk brachte man das Gepäck zur neuen Arbeitsstelle. Abends traf sich dann die Jugend in der Wirtschaft, wo der Umzug gefeiert wurde. Dieser Umzug fand immer am 3. Weihnachtsfeiertag statt und bekam den Namen "Wandertag".
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